F O T O – A B E NT E U E R

Tollkühne Attacke eines Auerhahns

In den Wäldern des schwedischen Westergötlands kam es zu einer Begegnung der ganz besonderen Art. Ein balzender Auerhahn ging ohne Zögern in die Offensive und macht unmissverständlich deutlich, wer der Herr auf dem Balzplatz ist. Den entscheidenden Augenblick konnte ich mit der Kamera festhalten.

Ein kleiner Bericht über den Ablauf des Geschehens:

Es war um die Mittagszeit an einem Apriltag als wir in einem urwüchsigen Waldgelände in der Nähe des kleinen Städtchens Vargarda im schwedischen Westergötland die Balzarie  eines Auerhahns hörten. Mit insgesamt drei Fotobegeisterten schlossen wir uns unserem
schwedischen Fotokollegen Tage Knudson an, um gemeinsam den balzenden Vogel ausfindig zu machen.
Vorsichtig, immer auf Deckung bedacht, führte und Tage, der die wildlebenden Tiere seiner Heimat immer noch mit seinen alten Novoflex-Objektiven ablichtet, bis auf etwa 30 Meter an den großen Waldvogel heran. Hinter einem Felsen gehen wir in Deckung und beobachten den Vogel auf seinem Balzplatz, einer kleinen Lichtung, auf der er unverkennbar seine Balzpositur einnimmt. Blaugrünmetallisch schimmern Brust und Hals.
Bis jetzt hat uns der Vogel noch nicht entdeckt, doch plötzlich, nach einem kräftigen Schwingenschlag und einem meterhohen Luftsprung, lässt sein Balzeifer schlagartig nach.
Kein Zweifel, der Vogel hat uns offensichtlich wahrgenommen und wird nun sicherlich
fluchtartig den Balzplatz verlassen und im Wald verschwinden – so mein erster Gedanke.
Doch weit gefehlt, scheinbar völlig unbeeindruckt kommt der Hahn bis auf etwa zwei Meter an unser Versteck heran und selbst die Auslösegeräusche der Fotoapparate halten ihn nicht davon ab, die Eindringlinge genauestens unter die Lupe zu nehmen,
Der mutigste von uns, der bekannte polnische Tierfotograf Leszek K. Sawicki macht als erster einen Schritt nach vorn, um den Auerhahn formatfüllend in den Sucher seiner Kamera zu bekommen. Und da passiert es auch schon. Ohne Scheu springt der Hahn Leszek Sawicki an und auch mit einer leichten Abwehrbewegung kann unser polnischer
Fotofreund den hartnäckigen Hahn nicht vertreiben. Es scheint so, als fasse er die Armbewegung sogar  als Einladung auf, denn er klettert bis auf die Schulter des Fotografen, verharrt dort einen Augenblick, um dann blitzschnell auf seinen Kopf zu springen, wo er ganz offensichtlich Tretversuche unternimmt. Völlig verdutzt bestaunen wir die Szene bis wir endlich auf den Auslöser drücken. Diese einmalige Fotogelegenheit
des „balztollen“ Auerhahns auf dem Kopf eines Tierfotografen will sich natürlich keiner von uns entgehen lassen, und obwohl die Lichtverhältnisse vor Ort nicht mehr die allerbesten sind, bleibt der Verschluß unserer Kamera nicht still. Selbst die Sparsamsten unter uns lassen diesmal eisern den Finger auf dem Auslöser.

Später geben wir unserem polnischen Fotofreund trocken zu verstehen, dass eigentlich nur sein „wunderschöner Jagdhut“ der Auslöser für diese seltsame Attacke gewesen sein kann.

Das Phänomen der „Balztollheit“ bei Auerhähnen ist durchaus bekannt. Allerdings führt der Begriff etwas in die Irre, denn mit der eigentlichen Balz hat das aggressive Verhalten nichts zu tun, sondern vielmehr mit einem übersteigerten Territorialverhalten.
Zur Zeit der Fortpflanzung versucht der große Waldvogel mit allen Mitteln vermeintliche Rivalen von seinem Balzplatz fernzuhalten.
Wissenschaftler schätzen den Anteil der balztollen Auerhähne in Mitteleuropa auf etwa ein Prozent.
Auch Auerhennen zeigen gelegentlich zur Fortpflanzungszeit ein abnormes Verhalten. Dabei verlieren sie jede Scheu, lassen sich anfassen und herumtragen, greifen aber niemals Menschen an.
Heute weiß man, dass es sich bei den Auerhähnen, die ein abnormes Verhalten zeigen, stets um ältere jedoch völlig gesunde Exemplare handelt. Die Beschränkung dieses Verhaltens auf das Frühjahr deutet auf eine Störung bei der Produktion der Geschlechtshormone hin und veranlasste die Wissenschaftler dazu den Testosterongehalt
im Blut von balztollen Hähnen zu untersuchen. Wie vermutet zeigten die Ergebnisse deutlich erhöhte Werte für das Geschlechtshormon Testosteron. Wie und warum es zu einem derartigen Hormonschub kommt, konnte bisher noch nicht geklärt werden.

 

Text & Fotos: Jürgen Schiersmann