Mein Rendezvous mit dem König der Arktis

Eisbärenbeobachtung an der Hudson-Bay - riskantes Abenteuer!

Churchill, an der kanadischen Hudson-Bay gelegen, ist eine Hafenstadt, in der ein Großteil des Getreides aus dem Herzen Kanadas in alle Welt verschifft wird, und liegt auf der Hauptroute der jährlichen Wanderung der hiesigen Eisbärenpopulation.
Die Bären, die im Uhrzeigersinn um die Westhälfte der Hudson-Bay ziehen, kommen im Juni und Juli, wenn die letzten Eisschollen vor der Süd-und Westküste schmelzen, an Land. Bereits im August und September machen sie sich wieder auf den Weg und wandern nordwärts die Küste entlang. Ende Oktober errreichen sie Cape Churchill. Instinktiv wissen die Eisbären , daß hier der Ort ist, wo sich das erste Eis bilden wird. Ca. 1.200 der weißen Riesen ziehen jetzt hungrig vor den Toren Churchills durch die Gegend und warten auf das Zufrieren der Hudson-Bay. Im November dann, je nach Eislage, verschwinden sie innerhalb weniger Stunden auf dem riesigen Eisfeld und gehen dort ihrer Lieblingsbeschäftigung nach, der Robbenjagd. Diese große Ansammlung von Bären ist für die Bewohner und Touristen, ca. 20.000 jährlich, nicht ungefährlich.
Wenn es Probleme mit den Bären gibt, verfolgen die verantwortlichen Behörden bestimmte Richtlinien in bezug auf Zuständigkeit und Vorgehensweise. Die Stadt und die nahe Umgebung, einschließlich der ca. 10 Kilometer entfernten Mülldeponie, stehen unter 24stündiger Überwachung. Wenn ein Bär in die Zone eindringt, kann er damit rechnen, daß er durch laute Geräusche oder
ein Gummigeschoß vertrieben, von einer mit einem Stabilisierungspfeil versehenen Betäubungsspritze getroffen oder in einer der zahlreichen Fallen lebend gefangen wird.

Eisbärenbeobachtung an der Hudson Bay bei Churchill ist eines der schönsten Naturerlebnisse in Kanada. Aber manchmal auch ein sehr riskantes! Von örtlichen Reiseveranstaltern werden Bärenbeobachtungsfahrzeuge („Tundra-Buggys“) eingesetzt, umgebaute Schulbusse mit Allradantrieb und mannshohen Reifen.
Ich startete mit drei weiteren Besuchern aus Deutschland in einem solchen Kleinbus ins Bärenland. Unser Fahrer war ein junger Amerikaner, der sich hier zur Eisbärensaison ein paar Dollars verdiente. Unsere Fahrt im Schneckentempo verlief immer entlang der Küste. Als die ersten Sonnenstrahlen den Tundraboden erreichten, das war so gegen 9.30 Uhr, erhob sich plötzlich vor uns in einer Schneewehe ein Prachtexemplar von Eisbär, ein gewaltiger Bursche. Er hob den Kopf und nahm von uns Witterung auf. Unser Fahrer stoppte und stellte den Motor ab. Der Bär kam direkt auf unseren Bus zu. Aufgeregt öffneten wir die Schiebefenster und schossen mit langer Brennweite die schönsten Fotos. Es wurde besonders spannend, als der Bär die Reifen beschnupperte und sich am Fahrzeug aufrichtete. Wir hätten ihn berühren können. Doch die Anweisung des Fahrers war klar und deutlich: nicht die Arme aus dem Fahrzeug herausstrecken! Keine Objektive und Kamerariemen hinausragen bzw. hinunterhängen lassen! Wir beachteten seine Anweisungen.

Nur ein 20 mal 30 Zentimeter großes, mit Bohnen gefülltes Ledersäckchen, auf einem der Schiebefenster liegend, das einer von uns als Stabilisierungsunterlage beim Fotografieren benutzt hatte, war in der allgemeinen Aufregung vergessen worden. Zielsicher angelte sich der Bär mit seiner mächtigen Tatze den Bohnensack, riß ihn auf und verspeiste Bohnen und einige Lederstücke mit sichtlichem Genuß.

Wir schlossen sofort alle Fenster. Der Fahrer wurde von uns gebeten, sofort loszufahren. Er drehte den Zündschlüssel herum, doch der Motor sprang nicht an. Statt dessen schlugen Rauchschwaden ins Innere des Fahrzeugs, die sich in den Atemwegen festsetzten und in kürzester Zeit bei allen Insassen starken Hustenreiz verursachten. Wir mußten deshalb sämtliche Fenster des Busses wieder öffnen. Sofort tauchte der Bär auf, steckte seinen Kopf nun laufend durch eines der Fenster, mal auf der linken, mal auf der rechten Fahrzeugseite. Der Fahrer hatte in der Zwischenzeit von innen die Blechverkleidung zum Motor gelöst und versuchte unter sichtlicher Anspannung, den Kabelbrand zu finden. Als ihm das nicht gelang, versuchte er mit bloßen Händen alle sichtbaren Elektrokabel, die zum Motorblock führten, abzureißen. Das Funkgerät, das von der Motorbatterie gespeist wurde, war auch nicht mehr betriebsbereit. Über Funk konnte somit keine Hilfe herangerufen werden. Der Kleinbus konnte jeden Moment Feuer fangen.

Unser Eisbär war einer von der „anhänglichen“ Art. Außen am Fahrzeug, in Höhe des hinteren rechten Radkastens, hatte er eine Stelle gefunden, auf der er mit seinen Hinterbeinen Halt fand und seinen Kopf noch weiter ins Fahrzeug stecken konnte. Und dieser gewaltige Kopf tauchte nun immer wieder dicht vor uns auf. Ein mulmiges Gefühl überkam uns.
Doch wir hatten Glück im Unglück. Etwa 100 Meter von uns entfernt, standen mehrere riesige Tundra-Buggys, die miteinander verbunden waren. Sie bilden zur Bären-Hauptsaison ein rollendes Hotel, in dem sich Touristen und Fotografen tageweise einbuchen können. Ein lauter Pfiff und der Ruf „Feuer!“ machten den Betreiber dieses Tundra-Hotels auf unsere lebensgefährliche Lage aufmerksam. Er reagierte sofort. Er löste einen der Buggys aus der Kette, kam auf unseren rauchenden Bus zugefahren, drängte den uns belagernden Eisbären ab und stellte sich dann so neben uns, daß wir auf sein Fahrzeug hinüberklettern konnten. Unser Kleinbus wurde später abgeschleppt und sofort auf einen Verschrottungsplatz gebracht. Als Souvenir erhielt ich von unserem Fahrer ein Warnschild, das er im Innenraum des Unglücksbusses abmontiert hatte und auf dem zu lesen ist: "Polar Bear Alert - Feeding and Baiting Polar Bears is Prohibited". Zu deutsch: "Eisbärwarnung - Füttern und Anlocken von Eisbären verboten".

Jürgen Schiersmann