Jürgen Schiersmann

Der Wolf und der Regenschirm


Freitag, der 14.Juli 2000, 12.00 Uhr.

Der Besucherandrang im Bärenpark Grönklitt, in der Nähe des Städtchens Orsa, Mittelschweden, war an diesem Tag sehr groß. Man konnte deutlich erkennen, dass Ferienzeit herrschte. Dichtgedrängt standen Eltern mit ihren kleinen und großen Sprösslingen auf einer aus Holzbalken gefertigten Aussichtsplattform an der Absperrbrüstung und blickten auf ein Wolfsrudel, dass in dem Gelände schräg unter ihnen zur Mittagszeit eine Ruhepause eingelegt hatte.
Kindergeschrei und laute Rufe aus den Reihen einiger ungeduldiger Besucher in Richtung der Wölfe, mit der Absicht, dass diese sich erheben und in ihrer ganzen Größe zeigen sollten, sowie das bewusste laute Rascheln mit Papier-oder Plastiktüten konnte die schlauen Grauröcke nicht dazu bewegen, auf die Läufe zu kommen. Neben mir stand eine junge Mutter mit ihrer etwa –2- Jahre alten Tochter. Das Kind weinte bereits eine ganze Weile. Grund: Es war nicht damit einverstanden, dass es aus „Kinderhöhe“ durch eine Plexiglasscheibe die Wölfe beobachten musste. Wie es dann so kommt, die Mutter ließ sich erweichen. Sie legte ihren mitgeführten Regenschirm auf die am oberen Ende etwa 30 cm breite Holzbrüstung, ergriff ihre Tochter und setzte diese mit beiden Armen haltend auf die Brüstung. Bei dieser Aktion stieß das Kind mit den Füßen gegen den nagelneuen Regenschirm. Dieser machte sich selbständig und landete nach einem 7 Meter freien Fall unmittelbar vor dem Kopf eines der dösenden Wölfe.

Wie von der Tarantel gestochen kam dieser hoch und machte einen gewaltigen Satz zur Seite. Doch augenblicklich hatte er sich wieder gefasst, mit gesenktem Kopf ging er auf das rote Etwas zu, beschnüffelte es, nahm es ins Maul und rannte dann mit der Beute zu einer felsigen Geländeecke, in die die Besucher keinen Einblick mehr hatten. Sollte der Wolf nun geglaubt haben, dass seine Artgenossen den Vorfall nicht bemerkt hätten, so hatte er sich aber gewaltig getäuscht. Als nächster kam der mächtige Leitwolf auf die Läufe, danach die dominierende Wölfin , dann der Rest des Rudels und alle zusammen - in respektvollem Abstand zueinander - verfolgten die Spur des in der Felswand verschwundenen „Regenschirm-Wolfes“. Kurz darauf lautes Knurren und Jaulen in der nicht einblickbaren Geländeecke, und dann, nach ca. 3 Minuten, tauchte der Leitwolf mit dem zerfetzten Regenschirm im Maul wieder auf, hinter ihm die anderen Rudelmitglieder. Der Leitwolf schien aber nicht mehr so richtigen Gefallen an der eigenartigen Beute zu haben, denn er ließ sie fallen und legte sich lang unter eine schattenspendende Tanne. Von dort aus beobachtete er, wie sich nun einige der Rudelangehörigen zähnefletschend um den Regenschirm stritten und diesen immer mehr in seine Bestandteile zerlegten. Erst dann , als kaum noch ein Schirmstoff an den Metallteilen zu erkennen war, legte sich ihre Aggressivität. Bald suchten auch sie ein schattigen Platz zum Ruhen auf. Es schien so, als hätte es für sie nie einen Regenschirm in ihrem Gehege gegeben.

... ein Wolf hat den Regenschirm ins Maul genommen und rennt mit ihm davon

... der Leitwolf und die dominierende Wölfin verfolgen aufmerksam den Vorfall

... die übrigen Rudelmitglieder sind auf die Läufe gekommen

... mit dem zerfetzten Regenschirm im Maul taucht der Leitwolf wieder auf

... einige der Wölfe streiten sich um den Schirm und zerlegen ihn dabei immer mehr in seine Bestandteile